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# 1 Exposition

Akkurat verspachtelte Fugen. Meine rechte Gesichtshälfte ist taub und kalt. Die Fugen tanzen, als ich die Augen weiter öffne. Scheiße.
Draußen ist es dunkel, aber es sind noch einige Menschen unterwegs. Ich kann sie durch die Scheibe meiner bodentiefen Balkontür beobachten. Ich liege bäuchlings auf dem Fließenboden meiner Wohnung. Mein in die Fugen gepresstes Fleisch ist eiskalt. Es fühlt sich an, als würden selbst meine Knochen zittern. Mir ist übel. Vielleicht die Tabletten. Vielleicht auch nicht.
Alles tut weh. Ich will weiterschlafen. Ich will aufstehen und mich in mein Bett legen. Schlafen. Aber ich kann nicht. Ich liege einfach nur da. Wach.
Ab und zu trifft das vorbeizuckende Licht von Scheinwerfern mein Gesicht. Die Straßenlaterne vor meinem Wohnzimmerfenster leuchtet beständig. Gestern war die Glühbirne noch kaputt. Sie muss ausgewechselt worden sein.
Ich sehe immer wieder kleine Menschengrüppchen an meiner Wohnung vorbeiziehen. Sie reden und sie lachen. Ich kann sie beobachten, doch sie mich nicht sehen. Kein Licht. Keiner sieht mich am Boden liegen. Keiner bemerkt, dass ich am Boden bin…
Ich spüre etwas Warmes meine linke Gesichtshälfte hinabrinnen. Schon wieder Tränen. Wo kommt bloß die Flüssigkeit dafür her? Mein Mund ist so trocken, dass meine Zunge sich anfühlt wie ein pelziges Tier. Doch ein Glas Wasser ist für mich so unerreichbar wie die Wärme meines Bettes. Ich kann nicht einmal meinen Arm bewegen. Wie ein fremdes Körperteil liegt er neben mir. Dass er zu mir gehört, merke ich nur an den Schmerzen, die zwischendurch stoßartig durch meine Schulter jagen. Meinen anderen Arm, der zwischen meinem Bauch und dem Boden eingeklemmt ist, spüre ich nicht mehr. Das sollte mir eigentlich Angst machen, doch stattdessen empfinde ich Neid. Ich will dahin, wo mein Arm ist. Weg hier. Nichts mehr spüren.
Ich schließe meine Augen und gebe mich der erlösenden Dunkelheit hin. Einschlafen. Einfach wieder einschlafen. Ich fühle, wie die Welt um mich herum langsam verschwindet. Die Geräusche werden dumpfer und die Schmerzen nehmen ab. Ich verschwinde. Spüre, wie mein Körper die Bodenhaftung verliert. Meine noch immer tauben Arme schlackern neben mir her, während meine Beine wild strampeln. Ich reiße die Augen auf. Dunkelheit. Dann ein unglaublich lautes und schrilles Geräusch, das ich als meinen eigenen Schrei erkenne. Ich schlafe nicht ein – ICH FALLE!

5 Antworten auf „# 1 Exposition“

Ich muss sagen, als jemand der schon mal eine Depression hatte, man erkennt sich sofort wieder. Dass man da auf dem Boden liegt und nichts mehr geht. Dass aufstehen und ins Bett legen schon zu viel ist. Ich kenn das und jeder andere mit Depressionen auch. Das ist ziemlich gut beschrieben. Und die Stimmung hast du auch gut rüber gebracht. Die Scheinwerfer, die vorbei flackern und die Straßenlaterne.. Kann man sich gleich bildlich vorstellen das Szenario. Find ich einen sehr, sehr gelungenen Einstieg und macht Neugierig auf mehr!!

Hey Klasse geschrieben, bringt Emotionen rüber und ist sehr originell. Gefällt uns sehr gut und macht Lust auf mehr.
Viel Erfolg weiterhin!

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