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# 16 Relativitätstheorien

Der Satz „Die Zeit schien still zu stehen.“ ist eine Floskel. Als wir damals die Nachricht erhielten, was mit meiner Schwester geschehen war, blieb die Zeit nicht stehen. Sie bleibt nie stehen.
Die Frage, ob Zeit relativ ist, wird immer wieder gestellt. Unsere Wahrnehmung von Zeit ist es, da bin ich mir sicher. Als uns gesagt wurde, meine Schwester hätte sich das Leben genommen, verging die Zeit unglaublich langsam. Ich konnte alles in Zeitlupe beobachten. Den Mund des Polizisten, der die Worte formte, die Knie meiner Mutter, die ihren Aggregatszustand zu ändern schienen, und die Hände meines Vaters, die leicht hin und her vibrierten, wie die Schienen, wenn aus der Ferne ein Zug anrollt.
Es war wie ein Film – wiedergegeben mit achtfach gedrosselter Geschwindigkeit. Jede Szene, jedes Detail brannte sich in die Projektionsfläche hinter meinen Augäpfeln. Ein Film, der nicht altert, nicht verbleicht, nicht reißt und dessen Format sich auf jedem Endgerät wiedergeben lässt. Solange ich existiere, existiert er. In alle Ewigkeit. Aber auch die Ewigkeit ist relativ.

Dieser Moment zwischen mir und dem Lügner, in dem ich weiß, dass seine Existenz meinem Willen unterliegt, und er weiß, dass ich es weiß, umfasst auch eine Ewigkeit. Zumindest für mich. Ich sehe ihn so klar, wie an dem Abend nach meinem Hotelbesuch. Als ich erfahren hatte, dass er nicht dort eingecheckt hatte. Nach unserem Telefonat, in dem ich die Wahrheit erfuhr. Nachdem ich eine Stunde in das Kopfkissen meines Bettes geweint hatte. Als meine Augen brannten und meine Nase lief, aber ich noch nicht die Kraft hatte, nach einem Taschentuch zu greifen.
Du verdammter, egoistischer Lügner, hatte ich gedacht. Und das ist eigentlich alles, was man über ihn wissen muss.

Jeder Mensch hat gute und schlechte Eigenschaften. Es gibt kein Schwarz oder Weiß. Niemals ein Entweder-Oder. Vielleicht ist „und“ das Wort, das die Menschheit am besten beschreibt.
Und außerdem.
Letztendlich kommt es bei der Bewertung eines Menschen immer auf die Symbiose an. Wie du zu ihm oder ihr stehst. Verallgemeinerungen sind nicht mehr als Wahrscheinlichkeiten.
Egoismus und Lügen stoßen mich ab. Und das in einer Intensität, dass keine – aus meiner Sicht – gute Eigenschaft das je überwinden könnte. Der Lügner und ich werden deswegen immer aussichtslos bleiben. Temporär.

Aber, wie gesagt, Zeit ist relativ. Und ein „Und“ ist nicht gern allein.
Ich will nicht allein sein.
Also sage ich: „Lass‘ uns weitergehen.“

Eine Antwort auf „# 16 Relativitätstheorien“

Hat mich erfreut endlich wieder etwas lesen zu können. Laß uns ( deine Fangemeinde ) nicht wieder so lange warten.

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